Lese- und finde nicht unempfehlenswert:

  • Naomi S. Baron, WORDS ONSCREEN: The fate of reading in a digital world. OUP 2015. Link zu Amazon

Worum geht´s? Kann das gedruckte Buch nicht nur mit e-books, sondern auch mit email, social media und „gaming“ mithalten? Barons Buch hat Vorläufer eher impressionistischer, essayistischer und alarmistischer Art:

  • Alan Jacobsen THE PLEASURE OF READING IN AN AGE OF DISTRACTION 2011. Link zu Amazon
  • David Mickic SLOW READING IN A HURRIED AGE 2013; Link zu Amazon

wovon Letzteres für Leseanfänger brauchbare Anregungen abwirft bzw. auf länger nicht mehr Gelesenes wieder Gusto macht (Kapiteltitel: The Problem; The Answer; The Rules; Reading Short Stories Novels / Poetry / Drama / Essays)

Diese Bücher nahm die Welt außerhalb der USA eher kaum zur Kenntnis („typisch Amis“…). Ms Baron ist Linguistin und so bietet sie auf Daten gestützte Fakten, die sie in neun Ländern unter „College students“, also 15- bis 18-Jährigen, gesammelt hat. Verglichen hat sie „physiologische Auswirkungen“ (Augenbewegungen etwa, die das „Überfliegen“ eines Textes verfolgen) des Bildschirmlesens mit papierener Lektüre.

Ergebnis: Die Eigenwahrnehmung stimmt selten mit Testergebnissen überein. Teenager gaben an, sie würden den gedruckten Inhalt langsamer und genauer lesen und daher besser behalten. Ein Jungleser jammerte in der Rubrik „Liked least about reading in hardcopy“ („Was ich am wenigsten beim Papierbuch mochte“): „It takes me longer because I read more carefully.“ („Brauch´ länger, weil ich sorgfältiger lese.“) Voll echt supersüß. Nicht? Aus dem / der wird was! Testergebnisse zeigten aber keine Unterschiede. Wenn es kein Zeitlimit gab, dann war die Verweildauer am Papier länger. Die Gefahr droht konzentriertem Lesen (und Informationsaufnahme; das gilt auch für formal und inhaltlich komplexe Belletristik) weniger von E-books, sondern von „email, news, games and social networking sites“.

Einer hat alles – die permanente Ablenkung und den kognitiven Overkill – schon längst kommen sehen:

  • Sven Birkert THE GUTENBERG ELEGIES: The fate of reading in an electronic age (1995). Link zu Amazon

Noch was (lese ich immer wieder mit Vergnügen):

Es ist einer der großen humoristischen (genau genommen: auch ironischen) Romane der Weltliteratur. Als Kafka vor Freunden Passagen daraus vorlas, wurden „Tränen gelacht“; Probe aufs Exempel: die erste Seite; da reagiert einer, also „K“, auf völlig depperte [ahem: unangebrachte] Weise. Kafkas Lieblinsautoren waren Johan Peter Hebel, Charles Dickens und Robert Walser.

„Reise ans Ende der Nacht“ (wenn Deutsch, dann unbedingt in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel; erschienen bei Rowohlt 2004, die alte Übersetzung hat ganze Passagen unterschlagen und war dem 1932 erschienen Original sprachlich nicht gewachsen). Der Klappentext: Mit diesem Roman „begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Romans: Ein wilder Aufschrei gegen die Verkommenheit einer Welt, die alle ihre Rechnungen auf Kosten der Armen begleicht, einer Welt, in der Hass, und Niedertracht regieren. Kein anderer Roman räumt so radikal mit dem schönen Schein des Bürgertums auf; vor Céline hat kein Autor eine unversöhnlich wütende Sprache gefunden.“ Und komisch ist dieser Wurf in der Tradition des Schelmenromans auch.

In einem Roman von Arno Schmidt, dem größten deutschen Nachkriegsautor, sagt eine Figur, das größte libidinöse Organ des Menschen sei das Gehirn. Der Roman? „Das Steinerne Herz“ (Untertitel: „Ein historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi“; als Einstiegsdroge eignet sich Schmidts Kurzroman „Kosmas oder vom Berge des Nordens“, 1955). Der berühmte niederländische Gehirnforscher, der Neurobiologe und Arzt Dick Swaab würde dem Satz zustimmen. Sein im Taschenbuch bei Penguin auf Englisch erschienenes Buch heißt auf Deutsch „Wir sind unser Gehirn: Wie wir denken, leiden und lieben“.

Von der Geburt über Elternliebe und sexuelle Differenzierung des embryonalen Gehirns im Mutterleib bis zum ganz normalen und sehr nötigen Wahnsinn pubertären Verhaltens bzw. zu Aggression, Autismus, Schizophrenie, moralischem Verhalten, Gedächtnis(verlust), Religion, Beten (nutzt´s was?), Botschaften von „Gott“, dem freien Willen („eine hübsche Illusion“) und, ja, wir kommen ans Ende, bis zu Gevatter Tod: eine faszinierende, spannende Reise durch unser Gehirn.

Dick Swaab ist ein anregender und humorvoller Reiseführer. Auch als e-book erhältlich. And, please, folks, do switch off that (un)smart phone… (once in a while).