Aus dem Tagebuch: 15. Juli 2015
 

„Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.“ (Walter Benjamin)

Zum Geburtstag Walter Benjamins ein Blick mit ihm in Adornos Negative Dialektik und seine Auseinandersetzung darum, ob es „ewige Wahrheiten“ gibt und geben kann.

Der Korrektheit verpflichtet, müssten wir jeden Aphorismus auf seine Entstehung zurückführen, wir müssten uns anschauen, wie gekommen ist, dass er in andere Bereiche übertragen worden ist, dass sein Geltungsbereich sich scheinbar uferlos ausbreiten konnte.

Ein anderes Bestimmungsmerkmal ist die Trennung des Satzes, einer Meinung, von ihrem Zeitkern, von ihrer Entstehungszeit.

Sind Meinungen letztendlich nichts weiter als das Erfassen eines Meinungsstromes in Sätzen, die wir geneigt sind als „zeitlose Wahrheiten“ (und damit als „gültige Wahrheiten“) anzuerkennen?

Ist meine Meinung am Ende gar nicht mehr meine eigene Meinung, indem ich sie mit anderen Leuten teile, durch eine Veröffentlichung? Ist ein Bild, das ich zeichne oder male, indem ich es reproduzierbar mache, gar nicht mehr meines, indem es beinahe beliebig von allen aufgerufen und angesehen werden kann; es verlässt die Sphäre des Auratischen. Es entzieht sich meiner alleinigen Deutungshoheit; es wird zum Allgemeinbesitz, zum Allgemeingut, es wird beliebig durch die Verfügbarkeit, durch die Option/ die Wahrscheinlichkeit der Entwertung.

Ist es an der Zeit, die Schaufenstermentalität zurückzunehmen? Vom Markt her betrachtet, gewinnt eine Ware an Wert, indem sie im Schaufenster angeboten wird. Sie wird das Ziel kollektiver Begehrlichkeit, von Kaufinteresse. Mit dem mehrmaligen Verkauf einer reproduzierten oder reproduzierbaren Ware. Auf dem Weg zur Massenware oder zur Massenkunst geht die Entstehungsgeschichte verloren. Mit dem Verfall des Preises von einem in großer Zahl reproduzierten Werk gerät auch der Sinn und die Wirkungsabsicht in den Hintergrund und taucht ein in eine verhüllende Nebelwand der Zeitlosigkeit, die sie immer weiter von ihrem Objekt trennt.

Was bedeutet es für mich in unserer Zeit „Tagebuch“ zu schreiben?

Ich führe nicht Tagebuch, um mir über jeden Tag Rechenschaft abzulegen. Auch führe ich meine Tagebücher nicht handschriftlich, sondern in Form von Dateien, die ich einigermaßen regelmäßig erweitere, bis für manche der
Begriff „Buch“ oder Büchlein nicht ganz falsch ist.

Ich halte vor allem Gedanken darin fest, die in bestimmter Regelmäßigkeit und mit Hartnäckigkeit immer wieder kommen und mich begleiten.

Ein solches Thema sind Sätze, von denen ich einstmals angenommen habe, dass sie felsenfest sind und zeitlos oder in jeder Zeit gültig wären.

Natürlich pendle ich nicht von einer Position zur anderen, aber der Grad an Bestimmtheit, an Eindeutigkeit kann variieren. Oder ob bei manchen grundlegenden Annahmen auch Ausnahmen denkbar sind. Oder ich denke darüber nach, welche Leistungen unsere Sinnesorgane beim Wahrnehmen
von Wirklichkeiten erbringen können; auf welche andere Arten wir Wahrheiten spüren können, was mir die Intuition (auf Wienerisch: das Gspür) sagt, was aber derzeit vielleicht noch nicht so klar ist, um es ins Schaufenster zu stellen, um es als Lehrmeinung zu verkünden. Der Zweifel, besonders
der Selbstzweifel, ist wie ein roter Faden, der durch so manches Tagebuch eine starke Spur zieht.

Trotzdem finde ich es richtig, ab und zu auszugsweise Einblick in das Tagebuch zu gewähren. Vor allem dann fällt es mir leicht, wenn ich entdecke, dass auch andere Denker zu erstaunlich ähnlichen vorläufigen Ergebnissen gekommen sind und diese literarisch oder philosophisch bearbeitet haben.