Love your Enemy. Für das Sommermosaik möchte ich eine Geschichte des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln vorstellen, die Martin Luther King in seinem Buch „Strength to love“ 1963 zitiert. Das Leben des Friedensnobelpreisträgers Dr. Martin Luther King wird gerne in Geschichte, Englisch und in Religion behandelt. Bekannt ist vielen Studierenden vor allem seine Rede „I have a dream“. Weniger bekannt ist seine Rede „Love your Enemy“. Hier ein Auszug.

Bildschirmfoto 2015 07 31 um 08 31 01Die Liebe stellt die einzige Kraft dar, die Feinde in Freunde verwandeln kann. Wir befreien uns nie von einem Feind, wenn wir Hass mit Hass vergelten. Wir entledigen uns seiner nur, wenn wir uns von der Feindseligkeit freimachen. Seiner ganzen Natur nach zerstört der Hass und zieht hinab. Die Liebe hingegen baut ihrem ganzen Wesen nach auf und ist schöpferisch. Liebe verwandelt mit erlösender Gewalt.

Abraham Lincoln versuchte es mit der Liebe und hinterließ für alle Zeiten ein herrliches Beispiel der Aussöhnung. Als er sich um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten bewarb, war einer seiner Erzfeinde ein Mann namens Stanton. Aus irgendeinem Grund hasste er Lincoln. Er versuchte mit aller Kraft, den Gegner in den Augen der Öffentlichkeit herabzusetzen. So tief war sein Hass gegen Lincoln, dass er sogar über dessen Äußeres spottete und ihn bei jeder Gelegenheit bitter beleidigte. Trotzdem wurde Lincoln zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Dann musste er sein Kabinett bilden. Die Menschen, die er dafür auswählte, sollten seine engsten Mitarbeiter bei der Verwirklichung seiner Pläne werden. Und für den so überaus wichtigen Posten des Verteidigungsministers suchte er keinen anderen als seinen Feind Stanton aus. Als diese Neuigkeit bekannt wurde, entstand im Kreis der Vertrauten große Unruhe. Ein Berater nach dem anderen sagte: „Mister Präsident, Sie machen einen Fehler! Kennen Sie diesen Stanton? Wissen Sie, was er Ihnen alles nachgesagt hat? Er ist ihr Feind und wird versuchen die Verwirklichung Ihrer Pläne zu verhindern. Haben Sie sich das alles auch wirklich gründlich überlegt?“ Und Lincoln antwortete: „Ja, ich kenne Stanton. Ich weiß auch, was er alles von mir behauptet hat. Aber ich habe mich gründlich umgesehen und glaube, dass er der beste Mann für dieses Amt ist.“ So wurde Stanton Verteidigungsminister und leistete dem Präsidenten und der Nation unschätzbare Dienste. Einige Jahre später wurde Lincoln ermordet. Vieles wurde zu seinem Lobe gesagt. Noch heute verehren ihn viele als den größten aller Amerikaner. H. G. Wells betrachtet ihn als eine der sechs größten Persönlichkeiten der Geschichte. Doch von allem, was über Lincoln gesagt wurde, bleiben die Worte Stantons die größten. Er stand neben dem Leichnam des Mannes, den er einst gehasst hatte, und nannte ihn einen der größten Männer, die je gelebt haben. „Jetzt gehört er der Ewigkeit an“, damit klang seine Rede aus. Hätte Lincoln auch Stanton gehasst, so wären die beiden Männer bis zum Grabe erbitterte Feinde geblieben. Aber durch die Kraft derLiebe verwandelte Lincoln einen Feind in einen Freund. Dieselbe Liebe machte es Lincoln möglich, inmitten des Bürgerkrieges freundliche Worte über die Südstaaten zu sagen. Als eine erstaunte Zuhörerin ihn fragte, wie er dazukomme, antworte er: „Vernichte ich meine Feinde nicht auch dadurch, dass ich sie mir zu Freunden mache?“ Das ist die Kraft vergebender Liebe!