„Was macht das Abendgymnasium unverwechselbar?“

Einige Antworten auf diese Frage wurden in einer Reden zur Verleihung der Maturazeugnisse vorgestellt. Die folgende Laudatio an die Maturant/innen des Abendgymnasiums wurde zur feierlichen Zeugnisverleihung am 2. Februar 2018 gehalten.

 

Mein Name ist Lothar Bodingbauer, ich unterrichte Physik und Mathematik am Abendgymnasium und ich betreue auch die Homepage der Schule und unsere sozialen Netze.

Ich habe die Facebook-Freunde unserer Schule gefragt, was denn das Abendgymnasium unverwechselbar macht. Die erste Antwort kam nach 5 Minuten: Es gibt Bier im Buffet.

Die nächste Antwort nur kurz später:
„Man braucht keinen Fernseher mehr, jedes Semester ist wie die nächste Staffel einer Serie“.

Und wenn man sich in der Stadt so umhört, – in echt – dann wird schon mal gesagt, „bei Euch, da schafft es jeder“.

Das stimmt.

Es gibt Bier in der Mensa. Denn wir sind eine Schule für Erwachsene, die alt genug sind, es auch zu trinken. Sie wissen auch, wenn man es trinkt.

Diese Wintersemester-Staffel war eine der besten – inklusive einiger Cliffhanger.

Und ja, bei uns schafft jeder die Matura.

* Früher oder später
* Besser oder schlechter
* Unter Schmerzen oder ohne.

Jede, die will. Die möchte. Der mag. Und der daran arbeitet. Unsere Schule soll nie der Grund sein, warum sie jemand wieder – ohne Abschluss – verlässt.

Wir sind eine Schule am Rande der Stadt. Unsere Schülerinnen und Schüler haben eine Geschichte. Sie haben oft schon eine eigene Familie. Die sich freut, auch wenn man spät nach Hause kommt, denn eine Schule am Rande der Stadt bedeutet immer auch, dass jene, die am anderen Rand wohnen, weiter entfernt sind.

Wir hören derzeit immer wieder, dass *Probleme von Menschen* am Rande der Stadt besser gelöst werden.

Ich wäre auch in einer Schule im Zentrum gut aufgehoben, weil ich nach dem Unterricht dann schneller zuhause wäre.

Aber unsere Probleme lösen wir ganz gerne selbst:

Mit genügend Geld für den Betrieb der Schule. Mit Weiterbildung, die wir für unsere Lehrer selbst organisieren – auch in den Ferien. Mit dem Willen unserer Studierenden, es zu schaffen, alle persönlichen Probleme zu überwinden, zu lernen, zu üben, zu studieren, und sich auseinanderzusetzen mit anderen Menschen, die eine andere Sprache haben, eine andere Herkunft, eine andere Hautfarbe, Haarfarbe, andere Stärken, andere Schwächen, und ja, andere Krankheiten, Zustände, Umstände. Und Socken. Und Lieder.

Ich kann allen nur gratulieren, dass Sie es geschafft haben. Es ist Ihre Leistung. Sie werden völlig neue Chancen haben, können studieren und mehr Geld verdienen als andere.

Aber Ihr Einsatz ist auch für Österreich messbar. Ihr Schulabschluss bringt der österreichischen Volkswirtschaft genau so viel Geld, wie dieser Abschluss Ihnen selbst bringt. Das haben Bildungsökonomen ausgerechnet.

Sie sind also wichtig für Österreich. Für Europa. Und das bedeutet: Seien Sie selbstbewusst. Sie sind wichtig für unsere Gesellschaft.

Eine getrennte Gesellschaft kostet Geld. Auch das kann man messen – soziale Disparität. Segregation. Da gibt es Namen. „Hass“. Kurz gefasst – im Extrem. „Wir und die Anderen“. Mit tiefen Gräben dazwischen. Die Gruppen befinden sich auf Facebook. Auf Twitter. In Filterblasen. Sie befinden sich auf der Straße. Autofahrer und Fahrradfahrer. Wir müssen hart daran arbeiten, dass diese Gruppen in Verbindung bleiben.

Wir sind tatsächlich eine Schule am Rande der Stadt. Aber ob wir damit auch am Rande der Gesellschaft sind, das bestimmen nicht andere, sondern wir selbst. Wir übernehmen gemeinsam die Verantwortung, dass Gräben zugeschüttet werden, und dass wir eine gemeinsame Zukunft haben, die gut für alle ist, auch für jene, die ihre Mitte verlassen mussten, und an die Ränder gekommen sind.

Mit der Matura ist für viele von Ihnen auch ein Traum in Erfüllung gegangen. Wir haben gemeinsame Erfahrungen gemacht und Geschichten erzählt – auch in Mathematik. Und wo Menschen einander Geschichten erzählen, wo sie ihre Gesichter erkennen, und ihre Stimmen – da geht es uns auch als Gesellschaft gut.

Alles Gute – und: Namaste.