Im Oktober 2019 besuchte Renate Scherr den Geschichteunterricht am Abendgymnasium Wien, um Studierenden unserer Schule ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen aus der Zeit des Nationalsozialismus mit auf den Weg zu geben. Ihre Verfolgungsgeschichte wird uns in diesem Semester auch wieder im Geschichteunterricht beschäftigen. Renate Scherr ist am 21. März 2021 verstorben.

„Nachruf 

Renate Scherr

Renate Scherr (née Wagner) kam am 25. Mai 1927 in Klagenfurt als uneheliches Kind zur Welt. Von ihrer leiblichen Mutter verlassen wuchs sie bei ihrem Vater und ihrer Stiefmutter auf. Ihre Kindheit und Jugend waren geprägt von heute unvorstellbarer Armut und Gewalt. Angst und Hunger waren ihre ständigen Begleiter.

Mit 14 Jahren wurde sie von ihrer Stiefmutter aus dem Haus geworfen und musste das sogenannte Pflichtjahr bei einem Bauern im Nachbardorf antreten, wo sie schwersten Arbeitsbedingungen sowie den Nachstellungen ihres Dienstherren ausgesetzt war. Immer wieder wechselte sie den Arbeitsplatz in der Hoffnung auf Verbesserung. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte.

Ihr Vater war „politisch unzuverlässig“ (Nazidiktion). Sie selbst geriet spätestens durch ihre häufigen Arbeitswechsel ins Visier der Nazis. Als „sozial verwahrlost“ wurde sie in ein von Nonnen geführtes Erziehungsheim in Deutschland verbracht. Auch hier standen Schwerstarbeit und Schläge an der Tagesordnung. Es folgten mehrere erfolglose Ausbruchsversuche. Zu Kriegsende warf man sie aus dem Kloster und schickte sie zurück in ihre „Heimat“. Ihr mittlerweile geschiedener Vater war in die Steiermark übersiedelt. Ihre Stiefmutter warf sie einmal mehr aus dem Haus.

In ihrer Verzweiflung und Perspektivlosigkeit sprang sie vom Zug. Schwer verletzt kam sie ins Krankenhaus und erholte sich wieder soweit, dass sie ihrem Vater in die Steiermark folgen konnte. Dieser schlug ihr die Tür vor der Nase zu.

Um ein bisschen Geld zu verdienen, ging sie Kohlen klauben. Hier sollte sie auch ihren ersten Mann kennenlernen. Sie heiratete und gebar 1949 ihren ersten Sohn, der zweite sollte 1950 folgen. Der Krieg war zwar zu Ende, die Zeiten waren trotzdem entbehrungsreich. Lebensmittel waren rationiert.

Beim Spazierengehen traf sie schließlich ihre große Liebe, Norbert Scherr, den sie 1952 auch heiratete. Die Liebe dieser beiden war mit großen Opfern verbunden. Sie wurden angefeindet, mussten deshalb öfter den Wohnort wechseln, wurden schikaniert. Auch ihre wirtschaftliche Existenz war gefährdet. Renate erkrankte schwer, sollte sich aber wieder erholen.

Als die Schikanen ein unerträgliches Maß erreicht hatten, entschloss sich das Paar, mit dem jüngeren Sohn nach Wien zu übersiedeln, um hier ein neues Leben zu beginnen.

1961 war es dann so weit. Renate fand sofort Arbeit, in die sie sich mit Begeisterung stürzte. 1963 kam ihre Tochter zur Welt. Das Glück schien perfekt.

Es folgten arbeitsreiche Jahre, Schicksalsschläge, schwere Erkrankungen. Renate fand immer wieder zurück ins Leben. Nicht zuletzt durch ihren eisernen Willen und unverbrüchlichen Optimismus.

Ihren „Ruhestand“ trat sie erst mit 70 Jahren an. Die folgenden Jahre widmete sie ihren geliebten Tieren und Pflanzen, auf deren gepflegte Pracht sie sehr stolz war. Sie maß sich mit ihrem Mann beim Lösen von Kreuzworträtseln und freute sich diebisch, wenn sie mehr wusste als er.

Ihr ruhiger Lebensabend sollte den ersten Dämpfer bekommen, als sie sich mit 79 Jahren einen komplizierten Knöchelbruch zuzog. Wenige Jahre darauf der nächste Sturz, doppelter Oberarmbruch. Sie klagte nicht und mit der ihr eigenen Zähigkeit und Willensstärke kam sie wieder auf die Beine.

2013 starb ihr Mann. Der Schmerz war groß, die Leerstelle in ihrem Leben blieb. Dennoch schaffte sie es, wieder mit eisernem Willen, ein einigermaßen unabhängiges Leben zu führen. So  feierte sie 2017 noch mit großer Freude und mit vielen Gästen aus Familie und Freundeskreis ihren 90. Geburtstag.

Ihre letzten Lebensjahre waren von Verlust gezeichnet. Ihre geliebten Katzen starben, ihre Sehkraft ließ immer stärker nach, diverse Erkrankungen machten wiederholt Krankenhausaufenthalte nötig. Trotzdem hatte sie noch immer ihren Humor behalten.

Erst 2020 sollte Renates Lebensfreude dämpfen. Krankheit und Alter und die Corona-bedingten sozialen Einschränkungen lasteten nun schwer auf ihr.

Von dem Schlaganfall, den sie im Jänner 2021 erlitt, sollte sie sich nicht mehr erholen. Sie starb friedlich am 21. März 2021.

Mit Renate Scherr verlieren wir einen mutigen und humorvollen Menschen, eine eloquente Zeitzeugin, die ihre Erfahrungen gerne mit den jüngeren Generationen teilte. Ihr Optimismus und ihre Lebensfreude, ihr Kampfgeist sowie ihre Offenheit, die sie sich trotz ihres schweren Schicksals immer behielt, beeindrucken.

She will be missed!

Eva M Scherr
(Tochter von R. Scherr)“

Bild 2: Zeitzeug*innengespräch: »Als ungeliebtes Kind geboren und trotzdem alt geworden«

Bildnachweis:

Bild 1 © Tom Linecker 2017

Bild 2 © Daniel Leisser 2019