Mathematik ist in Österreich nach wie vor eines der „schärfsten“ Fächer in der Schule. Inhaltlich gibt es anspruchsvolle Themen, nicht alle haben Freude damit, und der Erfolg hängt neben der eigenen Anstrengung im besonderen Maße davon ab, wie gut die Lehrer/innen dieses Fach unterrichten. Jahrelang hat sich wenig daran geändert, doch spätestens mit der beginnenden Zentralmatura wird es spannend. Die Kompetenzen rücken in den Mittelpunkt: vom bloßen Vorrechnen kehrt man ab und wendet sich dem Reden und Reflektieren zu, über das Thema, über die Methoden, und über die Zusammenhänge.

Lothar Bodingbauer koordiniert Mathematik am Abendgymnasium Wien. Er beschreibt im folgenden Überblick die Neuerungen, die im Mathematikunterricht erwartet werden. Weiterlesen…

Das wichtigste ist die Auftrennung von Grundkompetenzen und Erweiterungskönnen. Wie im Eislauf – die Pflicht, und dann die Kür. Wir erwarten von den Studierenden, dass sie die grundsätzlichen Rechnungsarten und mathematischen Konzepte fehlerfrei beherrschen. Das sind die einfachen Beispiele, die einfachen Zusammenhänge, das was man als Handwerkszeug braucht. Vereinfacht gesagt – das ergibt im idealen Fall ein Befriedigend. Ohne Diskussion.

Darauf aufbauend können Lehrer/innen und Schüler/innen gestalten. Je nach Interesse, Können und Schwerpunktsetzung kann gelehrt, gelernt und geprüft werden. Hier ist Platz für das Spannende, das Eigenartige, das fein Ausgearbeitete, das Spezielle. Der Raum für Gut und Sehr gut.

Lehrer/innen sind gefordert, die Beispiele besser zu indizieren: um welche Inhalte geht es, und welche Kompetenzen können damit abgedeckt werden. Und Schüler/innen sind gefordert, besser zu beschreiben, was sie tun. Dieser kommunikative Aspekt des Lernen und des Tuns rückt überall in den Mittelpunkt. Wissenschafter bestätigen übrigens, wie wichtig das in ihrem Betrieb ist. Die Lehrpläne der Mathematik und Naturwissenschaften nehmen das auf: Schüler/innen sollen mit Experten und Interessierten über das sprechen, was sie rechnen und entwickeln.

Rechenfehler treten in den Hintergrund, das Sprechen über Wege und Zusammenhänge, mögliche Ergebnisse und Irrwege tritt in den Vordergrund.

Auch der Unterricht wird sich verändern: die Grundkompetenzen werden nach wie vor klassisch unterrichtet und gelehrt. Die Vernetzung, das Aufbauende jedoch, wird zunehmend von den Schüler/innen selbst entwickelt. Denn nur sie können diese Zusammenhänge herstellen. In Gesprächen mit den Lehrenden und allen anderen Beteiligten lernen sie die kommunikativen Aspekte in den Vordergrund zu rücken.

Die Mathematik wird also auch sozialer. Das ist ein guter Aspekt der kommenden Änderungen. Nicht mehr das fertige Beispiel ist das Ziel, sondern die Herausforderungen der Wege, die dort hin führen.

Damit stellen sich auch Herausforderungen für die Räume, in denen gelernt wird. Unsere Schule ist eine „kaiserliche Schule“ aus alter Zeit. Sie funktioniert leider am besten, wenn vorne jemand steht, der laut spricht und Wissen ausruft. Die neuen Aspekte der Mathematik wollen aber gerade durch viele Menschen besprochen werden. Akustisch explodieren unsere Klassen aber noch, wenn mehr als drei Leute gleichzeitig reden. Schallmanagement heißt die Lösung: akustische Maßnahmen, die eine Klasse zu einem Wohnraum machen. Lichtmanagement heißt die Lösung: lichttechnische Maßnahmen, die von einer flächigen Beleuchtung hin zu Lerninseln führen. Soziales Management heißt die Lösung: wie können Studierende bei uns eine Mischung von Zuhören, reden, aufnehmen und präsentieren lernen, üben und perfektionieren – damit das Wissen und Können nützlich wird, andererseits auch durch gute Noten auf den Zeugnissen auch unmittelbar belohnt wird.

Sozialer wird es auch für die beteiligten Lehrer/innen. Durch die verlässliche Koordinierung der Grundkompetenzen ergibt sich die Zusammenarbeit automatisch. Freundlich formuliert. Etwas strenger formuliert: sie müssen zusammenarbeiten, und das ist gut so. Es gibt eine Einzelkämpfer/innen mehr.

Mathematik ist nach wie vor ein Selektionsfach. Leider. Das können wir nicht verleugnen. Matura gibt es nur mit Mathematik, Matura bedeutet: Zugangsmöglichkeiten zu höherer Bildung. Mit den neuen Maßnahmen der Kompetenzorientierung wollen wir das Fach jedoch vom blanken Selektionsaspekt abrücken, um Platz zu schaffen für das worum es geht: die Erweiterung des Könnens auf eine ganz spezielle, sachliche und analytische, sehr wohl eben auch kreative und kommunikative Ebene.

Mathematik ist eine wunderschöne Kunst, mit Zahlen und Symbolen, mit Strukturen und Objekten umzugehen und die Realität und das Virtuelle zu gestalten.