Die Rolle und Funktion von Gewerkschaften

Letzte Woche kam im Unterricht die Frage nach der Rolle und Funktion der Gewerkschaften auf. Im Jahr 2020 waren 1.198.919 Menschen Mitglieder in einer Gewerkschaft des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), das entspricht ca. 13,5% aller Menschen, die in Österreich leben. Der ÖGB wurde im Jahr 1945 als Verein gegründet und vertritt die Interessen der Arbeitnehmer*innen. Der ÖGB ist in seinem Handeln überparteilich, d.h. es geht bei der gewerkschaftlichen Arbeit nicht darum, die sachlichen oder ideellen Ziele einer bestimmten politischen Vereinigung zu fördern oder zu verwirklichen.

Die Begriffe Arbeitgeber*in und Arbeitnehmer*in sind besonders vor dem Hintergrund der Sozialpartner*innenschaft und der Gewerkschaftsgeschichte interessant. Oft wird erklärt, dass Arbeitgeber*innen die Arbeit geben und Arbeitnehmer*innen, die Arbeit nehmen. Dabei – so lässt sich durchaus argumentieren – könnte es genau umgekehrt sein. Sind es nicht die Arbeitnehmer*innen, die in Wirklichkeit ihre Arbeit geben, also eine „zielgerichtete, soziale, planmäßige und bewusste, körperliche und geistige Tätigkeit“ (Voigt 2021) ausführen?

Gewerkschaften haben drei wesentliche Funktionen:

  • Gestaltungsfunktion/Ordnungsmacht;
  • Gegenmacht;
  • Schutzfunktion.

 

Diese Funktionen ergeben sich aus dem „grundsätzlichen Interessensgegensatz zwischen Kapital und Arbeit“ (Bolkovac, Vlastos & Mitter 2010: 3).

Denn:

  • „die ProduktionsmittelbesitzerInnen, KapitalseignerInnen oder -verwalterInnen haben Interesse daran, das Kapital zu vergrößern oder zumindest zu erhalten“;

und

  • „die Interessen der Arbeitenden zielen darauf ab, ihr Arbeitseinkommen zu erhöhen oder zumindest ihre Kaufkraft zu erhalten und gleichzeitig die Verausgabung ihrer Arbeitskraft zu begrenzen“ (Bolkovac, Vlastos & Mitter 2010: 3).

Zu diesem Interessensgegensatz schreibt Karl Marx (1891) [2014: 53]:

„Die Arbeitskraft ist also eine Ware, die ihr Besitzer, der Lohnarbeiter, an das Kapital verkauft […]. Die Arbeitskraft ist also eine Ware, nicht mehr, nicht minder als der Zucker. Die erste misst man mit der Uhr, die andere mit der Waage.“

Gewerkschaften spielten und spielen eine wichtige Rolle, denn sie „sind im gesamten Entscheidungsprozess der Sozialpartnerschaft beteiligt. Sie bilden einen zentralen Machtkörper im politischen System und tragen gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Als Ordnungsfaktor regulieren Gewerkschaften das Wirtschaftssystem und das gesellschaftliche Zusammenleben“ (Bolkovac, Vlastos & Mitter 2010: 5).

Wir werden uns in diesem Semester im Rahmen der zeitlichen Möglichkeiten und in Übereinstimmung mit dem Lehrplan in Geografie und Wirtschaftskunde bzw. Geschichte und Sozialkunde auch mit der Gewerkschaftsbewegung auseinandersetzen und – so die COVID-19 Zahlen es zulassen – ggf. eine Exkursion zu einer Gewerkschaft organisieren. Es geht keinesfalls darum, aus allen Schulangehörigen Gewerkschafter*innen zu machen, sondern die Funktion von Gewerkschaften in Vergangenheit und Gegenwart einzuordnen und zu reflektieren.

Weiterführende Lektüre

Bolkovac/ Vlastos/Mitter, Was sind Gewerkschaften? (2010).

Marx, Lohn, Preis, Profit / Lohnarbeit und Kapital (2014).

Voigt, Was ist „Arbeit“?. Online verfügbar unter https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/arbeit-31465 (5 Oktober 2021).

Bildverweis: Adelheid Popp sprach im Jahr 1892 vor rund 1.000 arbeitslosen Frauen, für sie gab es keinerlei Arbeitslosenunterstützung.
(ÖGB – https://www.oegb.at/themen/arbeitsmarkt/arbeitslosigkeit/100-jahre-arbeitslosenversicherung (5 Oktober 2021).