Literaturwettbewerb 2014 | Abendgymnasium Wien

Die Preisverleihung fand im Rahmen des Eröffnungsfestes am 1. September 2014 in unserer neuen Schule statt!

1. Platz: „Das Gartentor“ von Corina Häusler

Diese bewegende Textcollage zum Thema Vergangenheitsbewältigung beeindruckt durch Aussagekraft und geschickte Komposition – die Autorin dieser Kurzgeschichte vermag die Konfrontation mit dem Holocaustmotiv tief unter die Haut gehend spürbar zu machen, indem sie sich einer sehr nuancenreichen Sprache bedient.

Das Gartentor stand immer weit offen. Nur in der Nacht, da sperrte sie es zu.
„Großmutter, warum ist das so?“, fragte Tamara.

„Weil ich mich sonst nicht frei fühle“, sagte die Großmutter.


Während sie ihren König auf den Tisch legte, zuckte die gepflegte alte Dame kurz zusammen.
Ich sah auf ihren Unterarm und zeichnete in Gedanken die Zahlenkombination ab.
Es war Sommer und der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Hunderte Menschen wurden zuvor in die Waggons gepfercht, es dampft und es stank nach Angst und Urin, manche erstickten, aber das kümmerte den Lokführer nicht. Es durfte ihn nicht kümmern. Er fuhr schweigend seine Strecke.
Das Grundstück an der Alten Donau war zweigeteilt. Gegenüber dem Garten, nach dem Überqueren des Betonweges, war noch ein Zugang zum Ufergrundstück und dort saßen wir täglich nach der Schule und verbrachten unsere Sommer 1987 bis 1991.
An dem Tag, als Tamara ihre Großmutter wegen des offenen Gartentores fragte, saß sie stumm auf dem Sprungbrett, das der Großvater für seine Kinder gebaut hatte, rauchte eine Zigarette und starrte in die Ferne. Ich blickte zu Boden und riss das Gras aus und spürte die kühle Erde zwischen meinen Fingern.
„Tamara? War deine Großmutter in Mauthausen?“
„Großvater auch. Sie haben sich dort kennengelernt“, antwortete die Freundin, ohne in ihre Richtung zu sehen.
Ankunft im Lager. Die Frauen wurden von den Männern getrennt. Die kleinen Kinder wurden gleich woanders hingebracht, von ihren Müttern getrennt, die sie zumeist nie wieder sahen. Es gab Ankünfte, die das sofortige Todesurteil bedeuteten. Manche wurden gleich in Busse gesetzt, die sie nach Hartheim brachten, wo sie nach einer Musterung, was hieß, sich nackt auszuziehen und „duschen zu gehen“, getötet wurden.
Die schwachen Kinder waren diejenigen, die es sofort traf.

„Meine Urgroßmutter haben sie erschossen. Vor den Augen meiner Großmutter und den Urgroßvater erhängt. Er musste sich die Schlinge selbst knoten und um den Hals legen. Die Männer lachten, als er am Stuhl stand und um sein Leben flehte. Einer hat dann den Stuhl mit seinem Fuß weggestoßen und da baumelte er am Baum. Sie rauchten, erzählten Witze und ließen ihn hängen als sie gingen. Die Großmutter war jung, sie schnitt den Strick ab. Nachbarn halfen eine Grube zu graben. Irgendwo, damit es nicht stank. Wir Juden begraben unsere Angehörigen stets am selben Tag“,sprach Tamara weiter.
Das große Tor zeigte eine Schrift. Die, die drinnen waren, sahen es Spiegelverkehrt: Arbeit macht frei.
Sie arbeiteten den ganzen Tag, magerten ab, wurden aus der Reihe genommen, wenn sie zu mager waren und im Vorbeigehen erschossen. Manche auch von den Hunden gejagt, das war ein Spiel. Wer Glück hatte, durfte bei den Bauern helfen, draußen, obwohl keiner „etwas von den Gräueltaten gesehen hat“, damals.
Ich stand auf und blickte Tamara an. Mich fröstelte es, obwohl es sehr heiß war an diesem Tag. Ihre Großmutter war mir sehr ans Herz gewachsen.
„Ich gehe kurz auf die Toilette, komme gleich“, rief ich ihr zu und sprang die drei kleinen Stufen aufwärts zum Gartentor, überquerte den Betonweg, blieb kurz vor dem offenen Tor stehen, sah auf das grüne Gitter, sah auf die Rosenpracht, nahm sie nicht wirklich wahr und begann zu laufen, stolperte beinahe, aber der Großvater, der gerade da stand, wo ich stolperte, fing mich noch rechtzeitig auf. Er hatte immer sein Hemd an, egal, wie heiß es war. Seine Nummer sah man nie. Er war der Geschäftsmann, der Herrenanzüge en gros verkaufte. „Danke!“
Die Freiheit kam durch die Besatzung. Die Tore öffneten sich und die ausgemergelten Leiber strömten heraus. Alle von ihnen sahen den Tod, täglich. Die Wenigsten sprachen jemals darüber. Die Verantwortlichen zogen sich größtenteils aus der Verantwortung. Manche übernahmen hohe Posten in Ämtern oder in der Privatwirtschaft. Das Land, nein, die Länder lebten danach, als ob nichts passiert wäre, man wollte nichts mehr wissen, von aufgeknüpften Leibern oder Kugeln in Köpfen.
Auf der Toilette weinte ich. Mein Großvater war Arzt und bekam das Verdienstkreuz des Landes Niederösterreich. Er hat vielen Menschen das Leben gerettet und war Tag und Nacht im Einsatz. Er hatte seine Praxis, war Schularzt und Werksarzt in einem Stahlwerk. Auf seinem Schreibtisch stand ein Bild, das ihn zeigte, stramm stehend, in Stabsarztuniform. An der Wand hing ein Bild, das ihn zeigte mit Kappe und Uniform und seine Laden waren voller Bücher, die „durchgesehen und für in Ordnung“ erklärt wurden. Auch auf seinem Feldstecher war das Hakenkreuz.
Nein, mein Großvater sprach nie über diese Zeit, er drehte sich mit dem Wind, nahm das „rote Parteibuch“ nach dem Krieg an, aber er hing daran, er baumelte an diesem brauen Ast bis zum Schluss. Er war gefangen in der Ideologie.
Als ich die Toilette verließ, ging ich zu dem kleinen Gartentisch, wo die Großeltern noch immer Karten spielten und umarmte die Großmutter so fest ich konnte.
„Tamara-Oma“, sagte ich, „ich werde das Gartentor jetzt schließen, wenn ich hinübergehe, weil weißt du, DU bist frei.“ Ich schluchzte laut auf, nahm das Handtuch, das am Stuhl lag, legte es mir um den Nacken und lief zurück zu Tamara. Das Tor schloss ich wirklich.
Die Großmutter ließ es geschehen. Ich glaube, weil sie die Geschichte meines Großvaters kannte, hat sie mich verstanden.

2. Platz: „Tagtraum“ von Loonyplanet

Eine beeindruckende Bilderflut kombiniert mit epischer Dichte formt dieses ungewöhnliche Gedicht – manche Bilder rufen in ihrer sprachlichen Intensität Erinnerungen an Ingeborg Bachmann wach.

an den farblosen flächen herrscht der wind.
unter ihm streunen flocken jener pracht,
die in der arktischen sonne blendet
und die im licht des minderkalten mondes blitzend
sein licht funkeln lassen.

über die weiten ebenen des gebrochenen und gestauchten gefrorenen ziehen einsame gestalten in weiß.

kilometer um kilometer abspulend.
getrieben von inniger sehnsucht,
dem ruf folgend
winde um die nase und die gischt in der maske.
den widerstand der strömung brechend
und das krachen der schollen nicht fürchtend.

da, der geruch
beute. unweit.
nun. alles drängt und eilt,
weicht einem fieber,
das vom bauch in
die knochen und tiefer fährt.
schon ist die beute in sicht.
unwiderstehliche witterung.

im schatten der verwehungen dahingleiten.
wahrnehmend die robbenwärme. so deutlich.
von der umgebung abgegrenzt.
jetzt überraschung ist der faktor,
der über erfolg in der zeit bestimmt.
schon eilen die körper hin zum wasser,
welches ein entkommen versprechend am gefrorenen leckt.
letzte meter, tiefgreifende pranken
jagen über die
eisigen pfründe
und treıben den weißen pelz voran.
in gewaltigen Sätzen
bricht das unheil
über eine der robben herein.

der tod kommt schnell. durch brachiale kraft der kiefer
bricht ihr der hals und wirbel,
ein licht erlischt.

wenn ich im kerker meine stäbe sehe
die mich hindem am wandem,
kann ich nicht die träume vergessen,
die mich des nachts heimkehren lassen
in eine mir ferne welt.
doch manchmal während des tages
schlagen mich die schleier mit ihrem bann.
durch wasser gleitend, querend die eisberge,
umhertreibend und schweifend wieder jagend
entsteht in meinen gliedern eine welt,
die hinter den sperren nur die weite des ozeans als enge kennt.

3. Platz: „Endlich frei sein“ von Sandra Wölfel

Die Verfasserin legt eine klassische Kurzgeschichte vor, die alle Regeln dieser Kunst erfüllt und als wirklich gut gelungen zu bezeichnen ist – hier scheut die Autorin Sandra Wölfel nicht davor zurück, verdrängte und tabuisierte Themenbereiche an die Bewusstseinsgrenze zu transportieren.

Regungslos liegt sie in der Badewanne und starrt die Zimmerdecke an. Das Wasser reicht ihr bis zum Hals. Ihre Augen brennen wie Feuer wegen der vielen Tränen, die sie vergoss. Jeder einzelne Atemzug schmerzt in ihrer Brust. Das Stimmengewirr in ihrem Kopf wird immer lauter.
Sie hält die Luft an und taucht langsam ihren Kopf unter Wasser. Es wird still um sie herum. Endlich ist es still. Doch vor ihrem geistigen Auge tauchen wieder diese Bilder und Szenen auf, die sie verzweifelt und mit aller Kraft zu vergessen versucht. Sie reißt die Augen auf und die Bilder beginnen sich zu verzerren und zu verschwimmen. Sekunden, Minuten verstreichen, während sie in dieser Position verharrt.
Der Druck in ihrer Brust sagt ihr, dass sie nun wieder auftauchen sollte. Aber ihr Wille wurde schon lange gebrochen. Sie ist nicht mehr Herr ihres Körpers, denn durch den Sauerstoffmangel macht sie einen Atemzug und Wasser dringt in ihren Kehlkopf ein. Ihr Körper beginnt zu zucken und ihre Gliedmaßen zittern. Plötzlich wird es um sie herum dunkel. Ihre Sorgen, ihre Probleme und die Stimmen verschwinden. Die natürlichen Reflexe ihres Körpers setzen aus. Das einzige Geräusch, das sie jetzt noch wahrnimmt, ist ihr Herzschlag, der immer langsamer wird. Sie erhebt sich uns steigt empor. Von oben betrachtet sie den leblosen Körper.
Eine weiße Hand streckt sich ihr entgegen. Sie erfasst sie und spürt zum ersten Mal in ihrem Leben Glückseligkeit. Die Hand zieht sie immer weiter weg ins goldene Licht. Sie ist frei. Endlich ist sie frei.

Ex aequo mit
3. Platz: Wie man in der Öffentlichkeit eine Feige isst
von Moritz Wondratsch

Dieser kreative Prosatext überzeugt durch spannende Bildsprache und ausgezeichnete Sprachbeherrschung – Moritz Wondratsch gelingt es geschickt, mit Wortneuschöpfungen seine eigenen Sprachbereiche mit unglaublicher Wortgewalt zu kreieren.

Viele Schafe trocknen schon in zweiter oder dritter Generation. So auch Alissia. Sie hat viel zu viel Geld und immer Zeit, deswegen liegt sie werktags mit aufgerissenen Strümpfen beinahe kopfüber in den Hecken vorm Museumsquartier, ihr gestreifter Slip ein paar Meter zu ihrer Linken. Geld ist nicht nur ein Mittel zum Zweck, es ist die pure Zweckerfüllung, weil es alles ist. Hast du Geld, hast du alles: Glück, Gesundheit und Freude. Sie hat sich wieder einmal ausgetobt und ihre persönlichen Vorlieben gegen den Konsens übertrieben, jedoch bewahrt sie ein stetes Konzentrieren auf das Morgen vor Enttäuschungen und Gefahren und sie bleibt vor unaufmerksamen Passanten sicher verborgen. Laur genau daneben, jedoch weniger elegant, ohne Unterteil. Sie steigt über ihn, macht einen Schluck von der vergorenen Pfütze der Flasche teuren Markenelixiers und schludert in der sich aufheizenden Vormittagssonne davon.
Inzwischen ist der Computer, der die Nachkommastellen von Pi zählt, mehrere hunderttausend Ziffern weitergerückt und die Gravitation ist aufgrund der Planetenmasse in stellarer Erdnähe um einen verschwindenden Prozentsatz gesunken. Rauschen in der Menschenmenge und kosmisches Hintergrundflimmern im Nummerngewusel dominieren jetzt. Jeder sieht sie an, als ob sie auf der Straße geht und brennt. Alle 10.000 km entstand eine Kultur und sie hatte das Unglück in die verklemmteste geboren worden zu sein. Eine Sonne lächelt ihr zwischen parkenden Autos entgegen. Sie hat ein grinsendes Gesicht und macht Werbung für Bananen. Alissia macht auch Werbung, eigentlich für eh alles. Yoghurt, Socken, Waschmittel. Alles, wofür man gutaussehende Statistinnen braucht. Sie kommt aus reichem Elternhaus und ihr Vater hat gute Kontakte.
Ein weit entferntes Sirenengeheul. An der runden U-Bahn-Station nimmt sie die Gratiszeitung Status Quo. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf diese Schlagzeile. Das ist es, worüber sich heute jedermann Gedanken machen wird, steht darauf. Darin gräbt Alissia einen Leserbrief aus. Laur, 2014, Mitteleuropa: Unsere Triebe stehen unter staatlichem Einfluss. Was oder wen wir geil finden und warum, wie oder mit wem wir ficken, was wir essen und wovor wir uns ekeln, wird von den Medien entschieden und nicht von uns, wenn uns nicht wieder bewusst wird, dass wir die Medien beeinflussen.
Das erinnert Alissia wieder daran, was sie sich hier eigentlich für ein Leben aufgebaut hat – sie gilt als eine Legende unter Trinkern – und das bereitet ihr wieder Magenverstimmungen. Lügen. Eine Lebzeit Lügen. Wenn es das ist, was du willst und es dich glücklich macht. Gut gespielt, eine Lebzeit an Schausteller- und Hochstaplerei. Außerdem in dieser Ausgabe von Status Quo: eine Anleitung, wie man in der Öffentlichkeit richtig auf die total obszöne Art eine Feige isst und ein Coupon für +25% mehr Fantasie, gültig nur dieses Wochenende. Träumen Sie nicht, greifen Sie zu!
In ihrer kleinen hungrigen Venuskolonie wird viel gefastet und wenig gegessen, und so lebt sie von der Hand in den Mund, aus den exotischen Gefilden des Gourmetsupermarkts. Wie viel muss sie wirklich essen? Würde sie sich als gesund bezeichnen? Glaubt sie daran, dass gute Ernährung allein den Körper heilt und regeneriert? Studiert sie Ernährungswissenschaften oder Medizin? Trotz ihres mickrigen Warenkorbinhalts ist ihr der demokratische Akt des Konsums bewusst und sie trifft bei einem Einkauf grundlegendere Entscheidungen über die Zukunft von Lobbies und Konzernen, als bei der nächsten Regierungswahl, aber sie kauft meistens nicht viel, außer total unbezahlbaren Wochenendsprudel, damit sie mit ihren Samstagabendhutträgern- und innen durch die sommerabendlichen Weiten des urbanen Deliriums wandern kann, aber heute stört sie ihr Leben mehr als sonst. Dieses letzte Magenschmerzen brachte ihren Unmut zum überquellen.
Sie wird das jetzt abbrechen, sie hat keine Lust mehr, sich irre Spirituosen zu kaufen und dieses Leben zu führen.
Sie will kein Leben wie im Film. Mit Zeitungsjungen und Milchmännern, Vater, Mutter, Kind, will kein Durchzappen mehr durch den Hollywoodfilm Leben. Das bedeutet Abzug an Rationen und Ansehen, Schmach und Schande, keine Gnade, keine Vergünstigung. Sie will IHR Leben und kein anderes. Sie hat Lust, Schaufensterpuppen zu zertrümmern und Geld zu zerschneiden und es in Toiletten runterzuspülen. Regierungen zu stürzen. Statusverweigerung. Sie will wieder von der Narzisstin zur Marxistin werden, die sie früher war, wer hätte das gedacht, gesammelt über den Ring spazieren und vor dem Ministerium wochenlang campieren, nur um den kleinsten ersten Schritt gemacht zu haben, denn das schlafende Biest wird sich nicht einmal unruhig hin- und herwälzen oder die Zähne fletschen. Sie ist ein brennender Unruheherd. Sie will einen Gott erschaffen, ihren eigenen Gott, will eine andere Art von Magie, als die Magie der Schadenfreude, die die Leute hier haben. Sie will den letzten Rest eines Wunders. Die Probleme von gestern sind schnell dahin und längst vergessen. Kommen sie, kommen sie, treten sie näher, treten sie näher. Fantastische Spiele gilt es zu spielen und fantastische Preise zu gewinnen. Ich schenke dir meine Lebenszeit und zeige dir mein wahres Gesicht. Das ist das Ende von allem, das sie weiß. Etwas Geheimes dirigiert sie. Wenn vieles leicht läuft, geht sie nach Afrika und baut eine Kläranlage oder hilft ehrenamtlich bei der Caritas aus, wenn sie das hier nicht mehr erträgt. Es ist doch sowieso alles nur moderne Kunst. Das ist moderne Kunst. Womöglich begegnet sie auf Reisen ihrer eigenen wandernden Seele, aber noch steht sie hier im Supermarkt still in der Schlange.

4. Alenka Engel: Freiheit

Sehr aussagekräftige Stimmungsbilder und berührende Visionen einer Suchenden überzeugten die Jury – Sprache und Inhalt bilden In diesen nahe gehenden Zeilen eine wunderbare Einheit.

Finde Klingen seiner Stille,
verstehe Rausch versteckter Wille,
spüre Unruhe seines Atems,
flüstere ihm Summen des Friedens.

Suche nicht nach dem verborgenen Blick,
grabe nicht ewig nach dem Wahren,
glaube ehrlich und zweifellos an seine Welt,
lebe in ständiger Geduld, aber verliere dich nicht selbst.

Solange bis das Bild der Welt zerbricht,
in tausende Stücke auseinander fliegt,
bis sich Trümmer an nichts mehr halten können,
bis die Scherben nicht mehr wehtun würden.

Bis das Klingen seiner Stille zu laut ist,
bis des Rausches versteckter Wille verstanden ist,
bis die Unruhe seines Atems zu ruhig ist,
bis du das Summen des Friedens selber bist.

Die Freiheit ist berauschend,
der Blick ist scharf und dicht,
du kannst nun unterscheiden,
du kannst nun verstehen.

Was du kanntest, ist nicht mehr da,
was du hörtest, war nie wahr,
was du sahst, gab es nie,
worauf du gehofft hast, existiert jetzt nicht.

Finde Klingen einsamer Stille,
verstehe Rausch schwacher Wille,
beruhige Unruhe deines Atems,
wünsche dir Summen kommenden Friedens.

Gib nicht auf
und dreh dich um,
such und schreib neue Gedanken hin,
glaube, alles ergibt einen Sinn.

Lass ruhig eine Träne, aber steh auch auf,
und geh weiter, geh nicht drauf,
du bist stärker als du glaubst,
du hast alles was du brauchst.

Finde Klingen starker Stille,
höre Rausch versteckter Wille,
begrabe Unruhe deines Atems,
flüstere dir Summen des Friedens.

Frei bist du nun,
frei von allen Lügen,
frei von Täuschungen,
und falschen Hoffnungen.

Und wenn die Welt zu brechen droht,
und wenn alle verzweifelt sind,
wenn du nun allein mit dir stehst,
vergiss das eine nicht, dass frei du bist.

Dann,
finde Klingen deiner Stille,
verstehe Rausch deines Willens,
spüre Ruhe deines Atems,
höre Summen dieses Friedens.

5. Platz: „Frei sein“ von Anja Wallisch

Kluge Reflexionen über das Leben, die von Empfindsamkeit und Wachheit erzählen – formal ungeheuer interessant, denn Frau Wallisch sprengt formale Kriterien und verwirklicht damit gekonnt ihre eigene literarische Gattung.

[Der Text wurde auf Antrag der Autorin an dieser Stelle gelöscht.]