Hugh Grimes und Fred Collard

Auch in diesem Semester werden wir uns im Fach Geschichte und Sozialkunde lehrplangemäß mit der Zeit des Nationalsozialismus in Österreich und Formen des Widerstands gegen die NS-Diktatur auseinandersetzen. Dabei wenden wir uns auch Formen des Widerstands zu, die bisher im deutschsprachigen Raum noch weitgehend unbekannt sind bzw. im Unterricht oft nur am Rande gestreift werden können. Menschen, die unter Gefahr für das eigene Leben anderen Menschen halfen, sollen aber nicht dem Abgrund des Vergessens preisgegeben werden, ja es ist geradezu die Aufgabe eines kritischen Geschichteunterrichts die Rolle der non-conformists als Beispiele gelebter Zivilcourage aufzuzeigen. Im Jahre 1938 wurde einer Vielzahl von jüdischen Menschen in Wien-Landstraße ein Taufzertifikat ausgestellt, welches ihre Chance auf eine Ausreise nach der völkerrechtswidrigen Annexion Österreichs durch Hitlerdeutschland wohl erhöht haben muss. Die beiden anglikanischen Geistlichen Hugh Grimes und Fred Collard stellten in einem Zeitraum von 4 Monaten mehr als 1700 solcher Zertifikate aus, ungeachtet der Tatsache, dass es primär um die Erleichterung der Flucht aus Österreich ging und wohl nur den wenigsten um die Zugehörigkeit zum Christentum. Diese religionsübergreifende Solidarität mit ihren Mitmenschen hat in jüngeren Publikationen und Presseartikeln ihren Niederschlag gefunden, aber beginnen wir von vorne.

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich 1938 ließen auch die Nachbarstaaten größere ‚Vorsicht‘ bei der Aufnahme von österreichischen Jüdinnen und Juden walten, was zu strengeren Kontrollen führte. Es ist davon auszugehen, dass der Vorweis einer Bestätigung über die formelle Zugehörigkeit zum Christentum diese Bedenken an den Grenzen zumindest reduziert haben könnte. Unmittelbar nach dem Vollzug des ‚Anschlusses‘ schießt in Österreich der offene Antisemitismus in die Höhe und die wenigen Personen jüdischer Religion, die sich – zumeist über persönliche Kontakte vermittelt – in der Wiener Jaurèsgasse eingefunden hatten, werden zu Massen.

Englisches Original: „They began to form queues outside the chaplaincy,“ reports historian Giles Macdonough, who with British historian Christopher Wentworth-Stanley, has been researching the story of the mass baptisms for the past decade.“ On the 14th of June Grimes baptised eight Jews, on the 19th he baptised 12, and on the 26th he baptised 19. He reached 103 on the 10th of July, and his record was 229 on the 25th“ (Middleton 2011)

Deutsche Übersetzung: „Sie fingen an Schlangen vor der Kaplanei zu bilden“, sagt Historiker Giles Macdonough, der gemeinsam mit dem britischen Historiker Christopher Wentworth-Stanley die Geschichte der Massentaufen während des letzten Jahrzehnts erforscht hat.“ Am 14. Juni taufte Grimes 8 Juden/Jüdinnen, am 19. 12, und am 26. taufte er 19. Er erreichte 103 am 10. Juli, und sein Rekord waren 229 am 25″ (Middleton 2011)

Die Gewissensentscheidung von Grimes löste im Mutterland bzw. der anglikanischen Kirchenaufsicht nur wenig Begeisterung aus. Der Sekretär des Erzbischofs von Canterbury schrieb einen gesalzenen Brief an Basil Staunton Batty, den Bischof von Fulham, indem er die Massentaufen kritisierte, die offensichtlich nur in Rufweite des Kirchenrechts waren. Basil Staunton Batty verteidigte daraufhin seinerseits die Entscheidung von Hugh Grimes auf diplomatische Weise wie folgt:

Englisches Original: „It is a fact that a number of Jews were baptised, but the statement that they were baptised without any preparation is absolutely untrue. I think it must be admitted that his intense sympathy with these poor people in their terrible suffering led him to greater belief in their sincerity than an outsider would have done“ (Middleton 2011).

Deutsche Übersetzung: Es ist eine Tatsache, dass Juden/Jüdinnen getauft worden sind, aber die Aussage, dass sie ohne irgendwelche [geistliche] Vorbereitung getauft worden sind, ist völlig falsch. Ich denke, dass zugestanden werden muss, dass sein großes Mitgefühl mit diesen armen Menschen in ihrer schrecklichen Notlage in ihm einen größeren Glauben an ihre Aufrichtigkeit erweckt hat, als dies bei einem Außenseiter der Fall gewesen wäre.“

Hugh Grimes wurde anschließend in das Vereinigte Königreich zurückbeordert, sein Nachfolger Fred Collard setzte sein Werk jedoch fort. Die Nationalsozialisten setzten ihrerseits alles daran, das bestehende britische Agentennetz in Wien zu zerschlagen, ignorierten die Massentaufen im 3. Bezirk aber weitgehend.

Englisches Original: „By and large, they had turned a blind eye to the baptisms; as far as they were concerned, all they wanted was for the Jews to get out and leave their money behind“ (Middleton 2011).

Deutsche Übersetzung: „Im Großen und Ganzen haben sie die Taufen ignoriert, was sie [die Nationalsozialisten] betrifft, kam es ihnen vor allem darauf an, dass die Juden/Jüdinnen gehen und ihr Geld zurücklassen.“

Am 17. August 1938 stürmt die Geheime Staatspolizei (Gestapo) unvorhersehbar die Kaplanei und ‚betritt‘ 32 Jüdinnen und Juden im Gespräch mit Fred Collard. Der Geistliche wird daraufhin kurzfristig verhaftet, ins Hotel Metropol gebracht und dort ‚befragt‘. Auch nach diesem Schock stellt er weiterhin Taufzertifikate aus. Der Sachverhalt stellt auch heute für Historiker*innen eine komplexe Situation dar, was ihre Bewertung betrifft. Einerseits ist davon auszugehen, dass es besser für den*die Besitzer*in war im Besitz eines solchen Dokuments zu sein, wie viel es tatsächlich beim Grenzübertritt ‚wert‘ war, ist noch nicht abschließend geklärt.

Seit dem Jahr 2018 erinnert auch eine Gedenktafel an die Geschehnisse des Jahres 1938.

Weiterführende Literatur und Presseartikel

Hirszhaut, Julien. 2015. The Jewish oil magnates of Galicia. Montreal: McGill-Queen’s University Press.

JMV – Jüdische Medien- und Verlags GmbH. 2013. „Man kann fast die Mundpropaganda spüren“. Wina: das Jüdische Stadtmagazin. Online verfügbar unter https://www.wina-magazin.at/man-kann-fast-mund%E2%80%89-propaganda-spueren/ (8. Oktober 2020).

MacDonogh, Giles. 2009. Hitler’s Gamble. New York: Basic Books.

MacDonogh, Giles. 2004. „A Most Unfortunate Case“. Jewish Quarterly 194, 57-62.

Middleton, Christopher. 2011. „Nazi persecution of Jews: saved by the C of E Schindlers“. Daily Telegraph, 11 Aug 2011.

Thomson, Mike. 2011. „The British ‚Schindler‘ who saved Austrian Jews“. BBC News. Online vefügbar unter https://www.bbc.com/news/world-14390524 (8. Oktober 2020).

Walser, Angelika. 2002. „Taufe aus Angst“. Die Furche. Online verfügbar unter https://www.furche.at/religion/taufe-aus-angst-1288795 (8. Oktober 2020).

Bildverweis: Hugh Grimes (fortgeschrittenen Alters), © Christopher Wentworth-Stanley