Das Fest der Freude gibt uns jedes Jahr Anlass zum Gedenken an die Verbrechen und ihre Opfer, ist gleichzeitig aber auch Ausdruck der Freude über die Befreiung vom NS-Terror. Lernen wir aus der Geschichte, damit sich das Grauen nicht wiederholt. Das friedliche Europa und die Menschenrechte sind eine historische Errungenschaft, die wir alle gemeinsam gegen Faschismus und Rechtsextremismus verteidigen — Willi MERNYI, Vorsitzender des Mauthausen Komitees Österreich

Daniel Leisser unterricht Englisch, Geschichte und Sozialkunde / Politische Bildung, und Recht am Abendgymnasium Wien.

Im Geschichteunterricht kam in diesem Jahr die Frage nach dem 8. Mai 1945 auf. Ein Tag der Freude auch heute?

Eine Analyse von Daniel Leisser

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge begehen wir 74 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und dem Ende des sinnlosen Mordens in ganz Europa einen der wichtigsten Gedenktage unserer Zeit.

Freude empfinden wir für alle, die als direkte Folge des Falls des Nationalsozialismus der mörderischen Vernichtungindustrie des NS-Terrors entkommen konnten.

Trauer für alle, die es nicht geschafft haben; die in den Konzentrationslagern vergast, erschossen, zu Tode geprügelt oder – für lebensunwert oder unbrauchbar erklärt – in den Tötungsanstalten von Mördern in Arztkitteln systematisch ermordet wurden.

Die Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Verbrechens an der Menschheit zeigt sich besonders deutlich in der bürokratischen Gleichgültigkeit und Effizienz der Täter und Täterinnen bei der Umsetzung ihrer Vorstellung vom „reinen Volkskörper“. Nach den Vorgaben des von Konrad Meyer-Hetling und Anderen ausgearbeiteten Generalplan Ost (GPO) sollte beispielsweise nahezu die gesamte Bevölkerung Polens als „rassisch mindertwertig“ erklärt; bis zu 50 Millionen Menschen zum Zwecke der Zwangsarbeit und Sklavendienstes deportiert werden. Die Stadt Leningrad sollte, nach erfolgreicher Vertreibung 3.2 Millionen dort wohnhafter Menschen, mit 200 000 Deutschen besiedelt werden.

Keine Diktatur hat das Anlitz der Weltgeschichte so unverhohlen mit ihrer Bereitschaft und ideologisch-fundierter Zielgerichtetheit zum Massenmord entstellt, wie Hitlerdeutschland. Mehr als 50 Millionen Menschen hat „die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt.“

Gerade deshalb ist es wichtig, sich der historischen Ereignisse aktiv zu erinnern und nicht das Geschehene als „vergangen“ zu verdrängen. Das lange Schweigen der Mitlebenden über die Gräuel des NS-Terrors kommt einer Verhöhnung der Opfer gleich.

Wir gedenken daher ganz bewusst auch jenen Angehörigen der ehemaligen Arbeitermittelschule, die den Tag der Befreiung nicht selbst miterleben konnten.


Abbildung: Aachener Nachrichten vom 8.5.1945: „Der Krieg ist aus!“