In diesem Semester werden wir uns im Fach Geschichte und Sozialkunde lehrplangemäß mit dem Nationalsozialismus in Österreich befassen. Eine kurze aber schicksalsträchtige Zeit. Die Zeitgeschichte, von Hans Rothfels treffend als „Epoche der Mitlebenden“ bezeichnet, ist für uns als brodelnde Geschichte Identitätsstifterin und Auftrag zugleich, vor der wir uns nicht verstecken können oder verstecken wollen.

Am Samstag, den 12. März des Jahres 1938, marschierten hitlerdeutsche Truppen völkerrechtswidrig in Österreich ein. In der Ausgabe der Wiener Zeitung (Nr. 70) finden wir unter dem Titel „Ergreifende Abschiedsworte des Kanzlers“, die folgende abgedruckte Rede Schuschniggs vom 11. März 1938 (hier auch zum Nachhören: https://www.mediathek.at/atom/015C6FC2-2C9-0036F-00000D00-015B7F64)

„Der heutige Tag hat uns vor eine schwere und entscheidende Situation gestellt. Ich bin beauftragt, dem österreichischen Volk über die Ereignisse des Tages zu berichten. Die deutsche Reichsregierung hat dem Herrn Bundespräsidenten ein befristetes Ultimatum gestellt, nach welchem der Herr Bundespräsident einen ihm vorgeschlagenen Kandidaten zum Bundeskanzler zu ernennen und die Regierung nach den Vorschlägen der deutschen Reichsregierung zu bestellen hätte, widrigenfalls der Einmarsch deutscher Truppen für diese Stunde in Aussicht genommen wurde.

Ich stelle fest vor der Welt, dass die Nachrichten, die in Österreich verbreitet wurden, daß Arbeiterunruhen gewesen seien, dass Ströme von Blut geflossen seien, dass die Regierung nicht Herrin der Lage wäre und aus eigenem nicht hätte Ordnung machen können, von A bis Z erfunden sind.
Der Herr Bundespräsident beauftragt mich, dem österreichischen Volk mitzuteilen, dass wir der Gewalt weichen. Wir haben, weil wir um keinen Preis, auch in ernster Stunde nicht, deutsches Blut zu vergießen gesonnen sind, unserer Wehrmacht den Auftrag gegeben, für den Fall, dass der Einmarsch durchgeführt wird, ohne wesentlichen Widerstand, ohne Widerstand, sich zurückzuziehen und die Entscheidung der nächsten Stunde abzuwarten.

Der Herr Bundespräsident hat den General der Infanterie Schilhawsky, den Generaltruppeninspektor, mit der Führung der Wehrmacht betraut. Durch ihn werden weitere Weisungen an die Wehrmacht ergehen. So verabschiede ich mich in dieser Stunde von dem österreichischen Volke mit einem deutschen Wort und einem Herzenswunsch: Gott schütze Österreich!“

Im Bundesgesetzblatt (BGBl. Nr. 75/1938) finden wir das Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich, welches den Anschein einer ordnungsgemäßen Rechtsüberleitung geben soll.

Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich.

Vom 13. März 1938.Die Reichsregierung hat das folgende Gesetz beschlossen, das hiermit verkündet wird:

Artikel I
Das von der Österreichischen Bundesregierung beschlossene Bundesverfassungsgesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich vom 13. März 1938 wird hiermit Deutsches Reichsgesetz; es hat folgenden Wortlaut:

Auf Grund des Artikels III Abs. 2 des Bundesverfassungsgesetzes über außerordentliche Maßnahmen im Bereich der Verfassung,

B. G. Blatt I Nr. 255 1934, hat die Bundesregierung beschlossen:
A r t i k e l  I: Österreich ist ein Land des Deutschen Reiches.
A r t i k e l  II: Sonntag, den 10. April 1938, findet eine freie und geheime Volksabstimmung der über zwanzig Jahre alten deutschen Männer und Frauen Österreichs über die Wiedervereinigung mit dem Deutschen Reich statt.
A r t i k e l  III: Bei der Volksabstimmung entscheidet die Mehrheit der abgegebenen Stimmen.
A r t i k e l  IV: Die zur Durchführung und Ergänzung des Artikels II dieses Bundesverfassungsgesetzes erforderlichen Vorschriften werden durch Verordnung getroffen.
A r t i k e l  V: Dieses Bundesverfassungsgesetz tritt am Tage seiner Kundmachung in Kraft. Mit der Vollziehung dieses Bundesverfassungsgesetzes ist die Bundesregierung betraut.Wien, den 13. März 1938.

Artikel II
Das derzeit in Österreich geltende Recht bleibt bis auf weiteres in Kraft. Die Einführung des Reichsrechts in Österreich erfolgt durch den Führer und Reichskanzler oder den von ihm hierzu ermächtigten Reichsminister.

Artikel III
Der Reichsminister des Innern wird ermächtigt, im Einvernehmen mit den beteiligten Reichsministern die zur Durchführung und Ergänzung dieses Gesetzes erforderlichen Rechts- und Verwaltungsvorschriften zu erlassen.

Artikel IV
Das Gesetz tritt am Tage seiner Verkündung in Kraft. Linz, den 13. März 1938.

[…]

Die oben Verwendung findende Formulierung „freie  und geheime Volksabstimmung“ ist eine nachträgliche Scheinlegitimation demokratischer Willensbildung. Ein Aufruf zur Teilnahme an dieser vermeintlich freien und geheimen Volksabstimmung lautet wie folgt:

Keine Stimme darf durch Unachtsamkeit ungültig werden. Wähle daher erst, nachdem du dich sorgfältig unterrichtet hast. Dein Kreuz gehört in den großen Kreis, der mit Ja überschrieben ist.“

Quelle: Projekt „Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus“ (www.ooezeitgeschichte.at/Presse.html)

Mit der verfassungs- und völkerrechtswidrigen Annexion Österreichs beginnt ein Prozess der sukzessiven Entrechtung österreichischer Jüdinnen und Juden. Im Deutschen Reich selbst sind die Bestimmung zur Expropriierung jüdischer Bürger noch nicht  ausgearbeitet,  in Österreich dagegen setzt ein unmittelbarer und teils gewaltsamer Eingriff in das Eigentumsrecht jüdischer Österreicher ein (sogenannte „wilde Arisierungen“). Mit dem Gesetz über die Bestellung von kommissarischen Verwaltern und kommissarischen Überwachungspersonen vom 13. April 1938 will man diesen unzulässigen Eingriffen in wohlerworbene Rechte den Anschein der Legitimität geben.  Mit der Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden vom 26. April 1938 werden jüdische Österreicher dazu gezwungen, jedwedes Vermögen anzumelden, das die Grenze von 5000 RM übersteigt. Am 27. April 1938 wird die nunmehr terminologische Trennung in Juden und Nicht-Juden in den Normbestand aufgenommen. Am 28. Mai 1938 treten die sogenannten Nürnberger Gesetze (Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre [RGBl. I S. 1146] und das Reichsbürgergesetz [RGBl. I S. 1146] in Kraft. Bis zur offenen Gewalt gegen jüdische Österreicher ist es nicht mehr weit.

Bericht einer Zeitzeugin (Presse, Ausschnitt aus einem Artikel von

Das Leben der damals zehnjährigen Vilma Neuwirth änderte sich im Jahr 1938 mit einem Schlag. „Wir wohnten in der Glockengasse in Wien-Leopoldstadt, hatten ein Friseurgeschäft. Mein Vater war Jude, meine Mutter Christin“, erinnert sich die heute 85-Jährige an ihr „normales Leben“. Dann kam der „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland, bald darauf folgten die Novemberpogrome – „und ich lernte die wahren Wiener, die wahren Österreicher kennen“.

„Unsere Nachbarn haben begonnen uns zu beschimpfen. ‚Du jüdische Drecksau, du Rassenschänder‘, riefen sie uns nach“, erzählt Neuwirth Donnerstagabend bei der Gedenkveranstaltung an die von den Nazis so genannte „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938 im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW). „Von Burschen der Hitlerjugend wurde ich getreten und bespuckt, Uniformierte schlugen uns mit Hundepeitschen, unser Geschäft wurde verbarrikadiert, die Fenster eingeschossen.“

Es folgt eine unmenschliche Verfolgung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden, die alle Gesellschaftsschichten und Alterklassen erfasst. Die 11-jährige Eva wird im Jahre 1941 in das berüchtigte Lager Auschwitz deportiert und berichtet über ihre Erfahrungen:

„Vor unserem Abtransport teilte man uns Kleider und Schuhe aus. Ich hatte dabei kein Glück, denn ich ergatterte nur zwei linke Schuhe. Naiv wie ich war, wollte ich mich dem Schuhhaufen ein zweites Mal nähern, um einen der Schuhe auszuwechseln. Plötzlich fühlte ich einen furchtbaren Schlag, der mich mitten ins Gesicht traf. Es war der Gewehrkolben eines SS-Mannes, der die Verteilung beaufsichtigte. Durch diesen Schlag verlor ich zwei Schneidezähne“ (Eva Erben, Mich hat man vergessen, S. 31).

Zeitgeschichte ist mit einem Auftrag für die Gestaltung der Zukunft verbunden. Als im März 1986, 48 Jahre nach dem „Anschluss“, die sogenannte Waldheim-Affäre die österreichische Öffentlichkeit erreicht, wird in der ORF-Pressestunde der Satz geprägt „Ich habe im Krieg nichts anderes getan als hunderttausende Österreicher auch, nämlich meine Pflicht als Soldat erfüllt.“ Das Spannungsverhältnis zwischen Befehl, Pflichterfüllung und der Frage moralischen Handelns wird noch zukünftige Generationen  beschäftigen. Die Zeit des Nationalsozialismus lehrt uns, was Menschen anderen Menschen antun können und diese „Banalität des Bösen“ (Arendt, 1963) ist auch eine Geschichte Österreichs. Sie darf niemals vergessen werden.

Literaturvorschlag

Erben, Eva. 2005. Mich hat man vergessen: Erinnerungen eines jüdischen Mädchens. Weinheim Basel: Gulliver.

Artikel

Caecilia Smekal (Text), Michael Baldauf und Dominique Hammer (Fotos und Videos), Peter Pfeiffer (Grafik), Georg Filzmoser (Lektorat), alle ORF.at, Kurt Schmutzer (Archiv), ORF – „Als Österreich nicht mehr war“, online verfügbar unter http://orf.at/vstories/1938unddiefolgen (12 März 2018).

Reiner Mayerhofer (Wiener Zeitung) „Wir weichen der Gewalt“: Österreichs Weg zum Anschluß im März 1938, online verfügbar unter http://www.hagalil.com/austria/aktuell/anschluss.htm (13 März 2018).

Interview

Interview von Matthias Röder mit Univ.-Prof. Oliver Rathkolb zum „Anschluss“ Österreichs vom 07.03.2018, online verfügbar unter: https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article174289053/Oliver-Rathkolb-ueber-den-Maerz-1938-Die-Oesterreicher-wollten-die-besseren-Deutschen-sein.html (10 März 2018).

Siehe auch die Dokumentation
Hitlers Österreich: der Anschluss (http://presse.phoenix.de/dokumentationen/2012/03/20120305_Hitlers_Oesterreich/20120305_Hitlers_Oesterreich.phtml (11 März 2018).